Flechten und Pilze: Worin liegen die Unterschiede?

Flechten und Pilze: Worin liegen die Unterschiede?

Wenn man von Flechten und Pilzen spricht, liegt das Missverständnis nahe – selbst für erfahrene Enthusiasten. Pilze bilden ein eigenständiges biologisches Reich (Reich der Fungi), während Flechten keine einheitliche taxonomische Gruppe darstellen, sondern eine außergewöhnliche evolutionäre Allianz: eine obligate mutualistische Symbiose zwischen einem Pilz (dem Mykobionten, meist einem Ascomyceten) und einem oder mehreren photosynthetischen Partnern (dem Photobionten, vertreten durch Grünalgen oder Cyanobakterien).

 

Der Pilz bietet eine geschützte Umgebung, nimmt Wasser und Mineralsalze auf, während die Alge oder das Cyanobakterium durch Photosynthese Zucker produziert. Diese Verbindung erzeugt einen völlig neuen Organismus mit einzigartigen morphologischen und physiologischen Eigenschaften, die bei den einzelnen Komponenten isoliert nicht vorhanden sind: die Flechte.

 

Um dieses Geflecht zu entwirren, werden wir jeden Aspekt erkunden: von der Thallusstruktur über ökologische Funktionen bis hin zu neuesten Forschungsergebnissen und historischen Kuriositäten, denn das Verständnis von Flechten ist grundlegend für jeden, der das Waldökosystem in seiner ganzen Komplexität wirklich begreifen möchte.

 

Flechten: Was sind sie genau?

Was genau sind Flechten? Sie sind weder Pflanzen, noch Moose, noch Pilze im engeren Sinne. Es sind zusammengesetzte Organismen, oder besser gesagt "symbiotische Organismen", das Ergebnis der Integration zwischen einem Pilz (dem Mykobionten) und einem photosynthesefähigen Organismus (dem Photobionten, einer Grünalge oder einem Cyanobakterium).

 

In dieser Beziehung hat der Pilz bei den meisten Arten die Fähigkeit verloren, in der Natur autonom zu leben, und ist metabolisch von den Kohlenhydraten abhängig, die der photosynthetische Partner bereitstellt. Der daraus resultierende vegetative Körper wird Thallus genannt, und seine Form ist das erste wichtige Unterscheidungsmerkmal für alle, die sich mit dem Studium dieser Organismen befassen.

 

Der Mykobiont

Der Mykobiont ist fast immer ein Pilz aus dem Phylum der Ascomycota (nur ein kleiner Prozentsatz, wie die Gattung Dictyonema, wird durch Basidiomycota repräsentiert). Seine Funktion ist strukturell: Seine Hyphen (Pilzfäden) organisieren sich in spezialisierten Schichten, um den Photobionten zu schützen, den Gasaustausch zu regulieren und Nährstoffe aus der Atmosphäre und dem Substrat aufzunehmen.

 

Im Gegensatz zu nicht-lichenisierten Pilzen hat der Mykobiont einen langsameren Stoffwechsel und verfügt nicht über die Enzyme, die für den effizienten Abbau von Cellulose oder Lignin notwendig sind; sein Überleben ist untrennbar mit den Photosynthaten der Alge verbunden.

 

Dies verändert die ökologische Bedeutung von Flechten radikal: Während "freie" Pilze die großen Zersetzer sind, werden Flechten zu Pionierorganismen, die hinsichtlich ihres Kohlenstoffbedarfs autark sind. Forschung zu Flechten zeigt, wie die Hyphen des Mykobionten komplexe Strukturen (wie die obere Rindenschicht) bilden, um ein stabiles Mikroklima zu schaffen und die Alge vor übermäßigem Licht und Austrocknung zu schützen.

 

Der Photobiont

Der Photobiont ist der wahre metabolische Motor der Flechte: Meist handelt es sich um eine Grünalge, am häufigsten der Gattung Trebouxia, die in über der Hälfte der Flechtenarten vorkommt. Wenn der Partner ein Cyanobakterium ist (zum Beispiel Nostoc), kann dieser neben der Photosynthese auch atmosphärischen Stickstoff fixieren und in Ammoniumverbindungen umwandeln, die vom gesamten Konsortium und indirekt vom umgebenden Ökosystem genutzt werden können.

 

Dies ist ein entscheidender Unterschied zu Pilzen: Kein "reiner" Pilz ist in der Lage, Stickstoff zu fixieren. Flechten mit Cyanobakterien werden somit fundamental für die natürliche Düngung nährstoffarmer Böden, Felsen und Rinden.

 

Der kombinierte Stoffwechsel produziert die sogenannten Flechtensäuren (wie Usninsäure), einzigartige sekundäre Metaboliten, die bei nicht-lichenisierten Pilzen fehlen und Schutzfunktionen gegen Licht, antibakterielle Wirkung sowie chemische Verwitterung von Gestein erfüllen (ein Schlüsselprozess für die Pedogenese, also die Bodenbildung).

 

Unterschiede zwischen Flechten und Pilzen

Für einen Mykologen ist die Unterscheidung im Feld oft eindeutig: Pilze (Makromyzeten) produzieren ephemere Fruchtkörper, die zu bestimmten Jahreszeiten zur Fortpflanzung erscheinen, während Flechten hingegen einen mehrjährigen Thallus aufweisen, der ganzjährig sichtbar und aktiv ist und extrem langsam wächst (von Bruchteilen eines Millimeters bis zu wenigen Millimetern pro Jahr).

 

Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind Pilze obligate Heterotrophe und benötigen bereits vorhandene organische Substanz (lebend oder tot), während Flechten dank des Photobionten autotroph für Kohlenstoff, aber heterotroph für Stickstoff und Mineralien sind, die sie aus Atmosphäre und Substrat aufnehmen. Dennoch teilen sie mit Pilzen die hyphale Architektur und beim Mykobionten die Fortpflanzungsstrukturen (Asci oder Basidien). Die folgende Tabelle erläutert detailliert welche Unterschiede zwischen frutikosen, foliosen und crustosen Flechten bestehen und vergleicht sie mit Pilzen.

 

Tabelle 1: Detaillierter morpho-funktioneller Vergleich zwischen Pilzen und Flechten
MerkmalPilze (nicht lichenisiert)Flechten (lichenisierte Pilze)
ErnährungHeterotroph durch Absorption. Rollen: Zersetzer (Saprophyten), Parasiten, mykorrhizale Symbionten. Abhängig von externen Quellen organischen Kohlenstoffs.Autotroph für Kohlenstoff (dank Photosynthese des Photobionten). Heterotroph für Wasser und Mineralsalze. Der Pilz ist ein "kontrollierter" Parasit oder obligater Mutualist.
Vegetative StrukturHyphales Myzel, oft im Substrat verborgen (Boden, Holz, Gewebe). Temporäre Fruchtkörper (Hut, Stiel, Hymenophor) nur zur Fortpflanzung gebildet.Organisierter, mehrjähriger Thallus, ganzjährig sichtbar. Unterschiedliche Morphologien: crustos (wie Farbe haftend), folios (mit abgeflachten Lappen), frutikos (strauchig oder hängend).
FortpflanzungHauptsächlich durch sexuelle Sporen in spezialisierten Strukturen (Basidien, Asci). Auch asexuelle Vermehrung durch Konidien oder Myzelfragmentierung.Doppelte Strategie: 1) Sexuell: Der Mykobiont produziert Pilzsporen in Apothecien oder Perithecien. 2) Vegetativ: Propagule (Isidien, Soralien, Cephalodien), die beide Symbionten enthalten und die Kontinuität der Symbiose gewährleisten.
SekundärmetaboliteProduzieren eine Vielzahl von Verbindungen: Mykotoxine (zur Abwehr), Antibiotika (z.B. Penicillin), flüchtige Verbindungen für Gerüche.Produzieren einzigartige Flechtensäuren (z.B. Usninsäure, Atranorin, Lecanorsäure). Diese haben chelatbildende (Gesteinsverwitterung), antibakterielle, antivirale, antifungale und UV-Schutzfunktionen.
Typische HabitateNährstoffreiche Böden, zersetzende Streu, Totholz, Exkremente, Symbiose mit Pflanzenwurzeln. Bevorzugen feuchte, schattige Umgebungen.Besiedeln extreme und nährstoffarme Substrate: nackte Felsen, Baumrinden, nackte Böden, künstliche Oberflächen. Dominieren in unwirtlichen Umgebungen wie Wüsten, Tundra, Hochgebirge und Polarregionen.
Wachstum und LanglebigkeitExtrem variabel: Das Myzel kann lange leben, aber Fruchtkörper sind ephemär (Stunden bis wenige Wochen). Schnelles Wachstum.Sehr langsames Wachstum, 0,1 mm bis 5 mm pro Jahr. Der Thallus ist mehrjährig und kann in stabilen Umgebungen Jahrzehnte oder Jahrhunderte leben.
Beziehung zum WasserBenötigen flüssiges Wasser im Substrat zur Aktivierung von Stoffwechsel und Wachstum. Sie sind homeohydrische Organismen (müssen inneres Wassergleichgewicht halten).Sie sind poikilohydrisch: Sie trocknen in Trockenperioden vollständig aus, gehen in einen Ruhezustand über und reaktivieren sich binnen Minuten mit alleiniger Luftfeuchtigkeit (Regen, Nebel, Tau).

Diese vergleichende Analyse klärt endgültig, welche Art von Organismen Flechten sind. Obwohl der Mykobiont ein vollwertiger Pilz ist, besitzt die Flechte als "Superorganismus" emergente Eigenschaften, die sie zu einer einzigartigen biologischen Entität mit einer völlig anderen ökologischen Rolle machen als nicht-lichenisierte Pilze. 

 

Die ökologische Rolle von Flechten

Flechten gelten als Pionierorganismen par excellence: Sie gehören zu den ersten, die jungfräuliche Oberflächen wie frisch exponierte Felsen, Lavaströme oder Baumrinden besiedeln. Mit ihren Flechtensäuren korrodieren sie Gestein, und ihre Hyphen fangen Staub und Detritus ein, wodurch Pedogenese-Prozesse (Bodenbildung) eingeleitet werden. Pilze hingegen greifen meist in späteren Phasen ein, besiedeln bereits organische Substrate oder bilden mykorrhizale Symbiosen mit etablierten Pflanzen. Beide sind jedoch Wächter der Umweltgesundheit.

 

Flechten sind insbesondere Bioindikatoren par excellence für die Luftqualität, da sie extrem empfindlich auf Schadstoffe wie Schwefeldioxid (SO2), Stickstoffverbindungen (NOx) und Schwermetalle reagieren, die sie passiv anreichern, da sie alles direkt aus der Atmosphäre aufnehmen. Sie schaffen feuchte Mikrohabitate für Wirbellose, speichern Wasser und stellen in weiten borealen Gebieten (Rentierflechten) die wichtigste Winternahrungsquelle für Rentiere und Karibus dar.

 

Pilze hingegen reinigen Böden von Schwermetallen und Kunststoffen, vernetzen Pflanzen in mykorrhizalen Netzwerken und zersetzen organische Substanz. Im globalen Kohlenstoffkreislauf tragen sie mit etwa 0,5 Pg (Petagramm) Kohlenstoff pro Jahr zur terrestrischen Primärproduktion bei – ein keineswegs vernachlässigbarer Wert, vergleichbar mit dem ganzer Biome.

 

Umweltempfindlichkeit: Worauf reagieren Flechten empfindlich?

Die außergewöhnliche Empfindlichkeit von Flechten ergibt sich aus ihrer eigenen Natur: Da ihnen selektive Strukturen wie Wurzeln fehlen, nehmen sie Wasser und Nährstoffe (und damit Schadstoffe) direkt aus der Atmosphäre über die gesamte Thallusoberfläche auf. Dies macht sie zu passiven Akkumulatoren und folglich zu hervorragenden Indikatoren für die Luftqualität. Das Verschwinden von epiphytischen Flechten (die auf Rinden wachsen) aus städtischen und industriellen Zentren ist ein eindeutiges Signal chronischer Umweltverschmutzung. 

 

Pilze, insbesondere terrestrische Arten, reagieren empfindlicher auf andere Faktoren wie Bodenverdichtung, Eutrophierung (Stickstoffüberschuss) und Forstwirtschaft. Die Integration der Überwachung beider Gruppen liefert ein umfassendes Bild der Ökosystemgesundheit.  

 

Flechten, Moose und Pilze: ein Vergleich 

Oft wird undifferenziert von Moosen und Flechten gesprochen, da sie dieselben feuchten, nährstoffarmen Habitate teilen. Doch ihre Natur ist grundverschieden. Moose sind Bryophyten, also echte Pflanzen (Reich Plantae), mit einfachen Geweben und einem Lebenszyklus mit Generationswechsel; Flechten sind Pilz-Algen-Symbiosen. Moose tolerieren zwar Austrocknung besser als Gefäßpflanzen, sind aber hinsichtlich konstanter Feuchtigkeit anspruchsvoller als Flechten. Pilze (insbesondere Basidiomyceten) bevorzugen schließlich Schatten und Bodenfeuchte und meiden direkte Exposition und Trockenheit. Man kann eine Resilienzskala gegenüber Trockenheit aufstellen, auf der zunächst Flechten, dann Moose und schließlich Pilze folgen, wobei Flechten die unangefochtenen Überlebenskünstler unter extremen Bedingungen sind.

 

Frutikose, crustose und foliose Flechten

Um eine Flechte zu identifizieren, lautet die erste Frage: Welche Flechtentypen gibt es? Die Thallusmorphologie ist das diagnostische Merkmal erster Ordnung. Diese Formenvielfalt ist eine faszinierende adaptive Konvergenz an unterschiedliche Licht-, Feuchtigkeits- und Substratbedingungen, vergleichbar in ihrer Vielfalt mit der Pilzmorphologie.

 

  • Frutikose Flechten: Sie haben ein dreidimensionales, strauchiges, buschiges oder hängendes Erscheinungsbild. Sie sind an einer einzigen Stelle am Substrat verankert und verzweigen sich in alle Richtungen. Klassische Beispiele sind die Gattung Usnea (der "Bartmoos", der von Ästen hängt) und die berühmten Rentierflechten (Cladonia rangiferina), die die Böden arktischer und borealer Tundren bedecken.

 

  • Foliose Flechten: Der Thallus ist abgeflacht, mit einer blattähnlichen Struktur, versehen mit Lappen und oft in eine Ober- und Unterseite differenziert. Sie haften locker am Substrat, dank Strukturen namens Rhizinen, und können teilweise angehoben werden. Beispiele: Parmelia sulcata (häufig auf Rinden) und Lobaria pulmonaria (früher als Heilmittel für Lungen verwendet).

 

  • Crustose Flechten: Sie stellen die ursprünglichste und am stärksten haftende Form dar. Der Thallus bildet eine Kruste, die intim mit dem Substrat (Fels, Rinde) verschmolzen ist, sodass er nicht entfernt werden kann, ohne das Substrat zu zerstören. Oft sind sie gefärbt und bilden Flecken. Ein Beispiel ist die Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum), die mit ihren gelb-grünen Areolen, die von schwarzen Linien begrenzt sind, an eine Landkarte erinnert.

 

 Die folgende Tabelle systematisiert diese Unterschiede und setzt sie in Bezug zur Pilzwelt.

Tabelle 2: Flechten und ihre Analogien zu Pilzen
FlechtentypBeispiel Substrat Analogie zu PilzenWachstumsrate (mm/Jahr)
Crustose FlechtenRhizocarpon geographicum (Landkartenflechte), Lecanora sp.Silikatische und kalkhaltige Felsen, glatte Rinden.Können an krustige Schimmelpilze oder Inkrustationen einiger rindenbewohnender Pilze erinnern, sind aber mehrjährig und nicht ephemär.0,1 - 0,5 (unter den langsamsten).
Foliose FlechtenParmelia sulcata, Xanthoria parietina (gelbe Mauerflechte).Baumrinden, Äste, Felsen, Mauern.Das gelappte, abgeflachte Erscheinungsbild kann an die Morphologie einiger Polypore oder Konsolenpilze erinnern, ist aber kein Fruchtkörper, sondern der mehrjährige vegetative Thallus.1 - 3
Frutikose FlechtenUsnea barbata (Bartmoos), Cladonia rangiferina (Rentierflechten), Alectoria sp.Baumäste und -stämme (hängende Arten), nackter Boden (aufrechte Arten).Das verzweigte, korallenartige Erscheinungsbild ähnelt dem einiger Korallenpilze (z.B. Clavaria oder Ramaria), aber Konsistenz und Biologie sind völlig unterschiedlich.1 - 5 (die schnellsten unter den Flechten).

Rentierflechten (Cladonia rangiferina) sind nicht nur ein suggestiver Name: Sie machen bis zu 90 % der Winternahrung von Rentieren in Lappland und anderen arktischen Regionen aus – eine Rolle, die kein Pilz für ein großes Säugetier so exklusiv spielt.

 

Fortpflanzung und Lebenszyklus

Pilze vermehren sich hauptsächlich durch Sporen, die in spezialisierten Strukturen produziert werden (Hymenophoren wie Lamellen, Poren, Stacheln). Flechten verfolgen eine komplexere, duale Strategie: Der Mykobiont (der Pilz) kann sich sexuell fortpflanzen, indem er Pilzsporen in Strukturen namens Apothecien (napfförmig) oder Perithecien (flaschenförmig) produziert. Eine allein keimende Pilzspore wird jedoch keine Flechte rekonstituieren: Sie muss notwendigerweise eine kompatible Photobiontenzelle (Alge oder Cyanobakterium) finden und einfangen, um die Symbiose von Grund auf neu zu erschaffen – ein eher seltenes und unsicheres Ereignis.

 

Um dieses Problem zu umgehen, haben Flechten raffinierte Strukturen zur vegetativen Vermehrung entwickelt: Isidien (kleine korallenartige Auswüchse auf der Thallusoberfläche, die beide Symbionten enthalten und von der Rinde bedeckt sind) und Soralien (Bereiche, in denen die Rinde aufbricht und feine pulverige Körnchen, die Soredien, freisetzt, ebenfalls aus Pilzhyphen und Algenzellen bestehend). Diese Propagule gewährleisten die effiziente und getreue Verbreitung des gesamten symbiotischen Konsortiums. Sie kombinieren die Präzision des reproduktiven Zustands mit der Effizienz des vegetativen. 

 

Daten zur Flechtenbiodiversität in Italien

Laut der neuesten Forschung zu italienischen Flechten (Nimis & Martellos, 2023) zählt unser Land etwa 2.700 Flechtenarten. Zum Vergleich: Die in Italien erfassten höheren Pilze (Makromyzeten, meist Basidiomyceten) übersteigen 5.000 Arten. Doch die Verbindung endet hier nicht: Es gibt lichenicole Pilze, eine heterogene Gruppe von Pilzen (oft Ascomyceten), die ausschließlich auf Flechten leben und sie parasitieren.

 

Hunderte dieser Arten sind bekannt und stellen eine faszinierende ökologische Brücke dar: Pilze, die Flechten angreifen und zeigen, dass Letztere ihrerseits Substrat für andere Pilze werden können. In diesem Sinne spielen Flechten eine analoge Rolle wie Pflanzen für parasitische Pilze: Sie bieten ein stabiles, nährstoffreiches und wenig konkurrenzbehaftetes Substrat – eine einzigartige ökologische Nische.

 

Flechten und Pilze: Anwendungen

Seit Jahrtausenden interagiert der Mensch mit Pilzen und Flechten. Pilze spielen eine herausragende Rolle in der Ernährung (Steinpilze, Trüffel, Champignons, Hefen für Brot und Bier) und in der Medizin (von Penicillin bis zu modernen Heilpilzen wie Reishi und Shiitake). Flechten haben eine weniger auffällige, aber historisch bedeutende Rolle: Arten wie Umbilicaria esculenta sind in Japan eine geschätzte Speise, während Rentierflechten, obwohl vom Menschen nur in Notzeiten direkt verzehrt, ganze Kulturen samischer Hirten durch ihre Herden erhalten haben.

 

In Europa wurde die Lobaria pulmonaria in der "Signaturenlehre" zur Behandlung von Lungenkrankheiten verwendet, aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Lungengewebe. Heilpilze besitzen im Osten eine jahrtausendealte Tradition. Heute entdeckt die wissenschaftliche Forschung Flechtensäuren für potenzielle antitumorale und antivirale Anwendungen wieder. 

 

Tabelle 3: Vergleich traditioneller und moderner Anwendungen von Pilzen und Flechten
BereichPilzeFlechten
ErnährungZahlreiche essbare Arten (Agaricus, Boletus, Tuber, Cantharellus). Hefen für Backwaren und fermentierte Getränke. Kultiviert oder gesammelt.Begrenzte und geografisch eingeschränkte Nutzung (z.B. Umbilicaria in Japan, Cladonia in Nordeuropa als Notfallmehl). In den meisten Fällen für Menschen nicht essbar aufgrund bitterer Säuren.
Traditionelle und moderne MedizinHistorische Quelle von Antibiotika (Penicillin). Immunstimulierende und adaptogene Pilze (Lentinula, Ganoderma, Cordyceps) in der traditionellen asiatischen Medizin, heute pharmakologisch erforscht.In der europäischen Volksmedizin (Lobaria) und anderen Kulturen für adstringierende und antiseptische Eigenschaften genutzt. Usninsäure (aus Usnea) wird auf antibakterielle, antivirale und antiprotozoale Eigenschaften untersucht. Verwendung in einigen Augentropfen und Cremes.
Färbung und FarbstoffeBegrenzte Nutzung. Einige Pilze (z.B. Hydnellum, Phaeolus) produzieren Pigmente zum Färben von Wolle und Naturfasern, aber dies ist eine Nischenpraxis.Historisch fundamentale Nutzung. Lackmus, ein pH-Indikator, wurde aus Flechten der Gattung Roccella gewonnen. Viele Flechten (z.B. Ochrolechia, Parmelia) wurden zum Färben von Wolle und Textilien in verschiedenen Braun-, Gelb- und Violetttönen verwendet.
Kosmetik und ParfümeriePilzextrakte (z.B. Ganoderma, Trametes) werden Cremes und Lotionen für antioxidative und feuchtigkeitsspendende Eigenschaften zugesetzt.Usninsäure wird in Zahnpasten, Deodorants und Mundhygieneprodukten für ihre natürlichen antibakteriellen Eigenschaften eingesetzt. Einige Flechtenessenzen (z.B. Evernia, Pseudevernia) werden als Fixative in der Parfümerie verwendet.

Es ist wichtig, Flechten nicht mit Algen zu verwechseln: Kombu-Alge (Saccharina japonica) ist eine braune Meeresalge, keine Flechte. Ihr Jodgehalt hat nichts mit den antibiotischen Eigenschaften der von Flechten produzierten Usninsäure zu tun.

 

Die Rolle von Flechten im ökologischen Kontext

Flechten sind die primären Architekten von Ökosystemen: Als Pionierorganismen besiedeln sie als Erste nackte Felsflächen. Die mechanische Wirkung der Hyphen und die chemische Wirkung der Flechtensäuren zerkleinern Gestein und leiten die Bildung einer ersten Bodenschicht ein. Ihre Hyphen fangen vom Wind transportierten Staub und organischen Detritus ein. Nach ihrem Tod zersetzt sich die angesammelte organische Substanz, bereichert das Substrat weiter und schafft ideale Bedingungen für die Ansiedlung von Moosen und anschließend von Gefäßpflanzen.

 

Pilze treten in unterschiedlichen und komplementären Phasen in Erscheinung. Saprophytische Pilze zersetzen die von Pflanzen produzierte neue Streu, während mykorrhizale Pilze mutualistische Symbiosen mit den Wurzeln neu angesiedelter Pflanzen eingehen und ihnen helfen, Wasser und Nährstoffe im Austausch gegen Zucker aufzunehmen.

 

Während Flechten also Bodenbildner sind, sind Pilze die Verwalter und Instandhalter, die die Fruchtbarkeit erhalten und den Boden mit dem Pflanzenleben verbinden. Ein emblematisches Beispiel: In der Antarktis, wo organischer Boden nahezu fehlt, stellen Flechten die dominante Vegetationsform dar, während höhere Pilze extrem selten und auf geschützte Mikrohabitate beschränkt sind.

 

Umweltmonitoring-Projekte mit Flechten

Das ISPRA (Italienisches Oberstes Institut für Umweltschutz und Forschung) und zahlreiche regionale Umweltschutzagenturen (ARPA) nutzen seit Jahrzehnten Flechten als Bioindikatoren in standardisierten Protokollen. Der Lichen-Biodiversitäts-Index (IBL) ist ein offizieller Parameter zur Bewertung der Luftqualität, insbesondere der Verschmutzung durch SO2 und Stickstoffverbindungen. Pilze (Makromyzeten) werden zunehmend als Indikatoren für Bodengesundheit, Reifegrad, Waldkontinuität und die Auswirkungen forstwirtschaftlicher Praktiken eingesetzt. Die Integration beider Ansätze liefert ein umfassendes und zuverlässiges diagnostisches Bild des Ökosystemzustands. Auf der offiziellen Website des ISPRA sind Handbücher und Leitlinien zum Biomonitoring mit Flechten verfügbar.

 

Die Natur der Flechten

Moderne phylogenetische Analysen auf DNA-Basis haben unser Verständnis von Flechten revolutioniert. Die grundlegende Entdeckung ist, dass lichenisierende Pilze keine monophyletische Gruppe bilden (d.h., sie stammen nicht alle von einem einzigen exklusiven gemeinsamen Vorfahren ab). Vielmehr ist die Fähigkeit, eine Flechtensymbiose einzugehen, unabhängig und konvergent in mehreren Linien innerhalb des Pilzreichs entstanden, insbesondere bei Ascomyceten. Einige Gruppen nicht-lichenisierter Pilze (wie mykorrhizale Pilze oder bestimmte Saprophyten) sind phylogenetisch näher an bestimmten Flechten als aneinander. Dies macht Flechten zu einer evolutionären Anpassung von außergewöhnlichem Erfolg, die im Laufe der Geschichte mehrfach wiederholt wurde.

 

Ganz aktuelle Studien haben zudem eine weitere Komplexitätsebene aufgedeckt: Viele Flechten beherbergen in ihrem Inneren auch basidiomycetische Hefen (der Gattung Cyphobasidium), die eine Schlüsselrolle bei der Thallusbildung und -struktur zu spielen scheinen und einen dritten pilzlichen Symbionten zur ohnehin komplexen Beziehung hinzufügen. Heute lautet die präziseste Antwort auf die Frage Was ist eine Flechte?: Eine stabilisierte multiple Pilzgemeinschaft in Symbiose mit einem Photobionten (Pilze bilden selten so komplexe und integrierte Konsortien).

 

Die ältesten Flechten 

Fossilien von Organismen, die als alte Flechten interpretiert werden, stammen aus der Zeit vor etwa 400-415 Millionen Jahren (Unteres Devon), einer Epoche, in der Gefäßpflanzen noch in den Kinderschuhen steckten und das Leben an Land spärlich war. Dies deutet darauf hin, dass Pilze sich sehr früh mit Algen assoziiert haben, möglicherweise mit einer entscheidenden Rolle bei der Erleichterung des Übergangs des Lebens vom Wasser auf die Kontinente und zur Bildung der ersten Böden. Heute sind Flechten auf allen Kontinenten vertreten, vom Äquator bis zu den Polregionen, und in der Antarktis stellen sie die dominante Form pflanzlichen Lebens dar, zusammen mit wenigen Moos- und Algenarten. 

 

Praktischer Bestimmungsschlüssel 

Für Pilzsammler ist es bei Waldexkursionen üblich, auf auffällige farbige Auswüchse an Stämmen, Ästen und Felsen zu stoßen. Flechten können grau-grün (die häufigste Farbe), leuchtend gelb-orange (Xanthoria), gelb-grün (Rhizocarpon), braun, schwarz, weißlich sein. Pilze hingegen zeigen oft deutlich unterscheidbare Hüte und Stiele mit Farbvariationen von Weiß über Schwarz bis zu allen Brauntönen, Rot, Gelb und Violett.

 

Es kann jedoch Arten geben, die Verwirrung stiften und Beachtung erfordern: Einige gallertartige Pilze (wie Exidia oder Auricularia) können formlose Massen auf Holz ähneln, aber ihre weiche Konsistenz und ihr Auftreten nach Regen unterscheiden sie.

 

Die Farbe von Flechten hängt von der Art und dem Vorhandensein spezifischer Flechtensäuren ab, die auch als Schutzpigmente fungieren. Beispielsweise verdankt die verbreitete gelbe Mauerflechte (Xanthoria parietina) ihre Farbe der Parietin, einem Pigment, das sie vor Lichtüberschuss in offenen Umgebungen schützt.

 

Vereinfachte Übersicht zur Unterscheidung von Flechte und Pilz

  • Ist die Struktur mehrjährig und ganzjährig sichtbar, auch im Winter? Sehr wahrscheinlich eine Flechte.
  • Wächst sie auf nacktem Fels, lebender Rinde oder extrem nährstoffarmem Boden? Sehr wahrscheinlich eine Flechte.
  • Erscheint nach Regen ein Fruchtkörper mit Stiel und Hut (oder ähnlichen Formen), der später verschwindet? Es ist ein Pilz.
  • Hinterlässt vorsichtiges Abkratzen eine farbige Spur und eine gut sichtbare darunterliegende Schicht (Medulla)? Es ist eine Flechte, wahrscheinlich vom Typ crustos.
  • Hat sie ein korallenartiges, verzweigtes Erscheinungsbild, an einer Stelle am Substrat befestigt (wie ein winziger Strauch)? Es ist eine frutikose Flechte.
  • Ist sie blattartig abgeflacht, an den Rändern anhebbar, mit unterscheidbarer Ober- und Unterseite?  Es ist eine foliose Flechte.

Für alle, die visuelle Unterstützung suchen und Flechtenbilder verschiedener Arten vergleichen möchten, bietet die Website Acta Plantarum einen vollständigen Fotoatlas und interaktive Bestimmungsschlüssel.

 

Symbiose, Parasitismus und trophische Netzwerke

Pilze unterhalten eine Vielzahl trophischer Beziehungen zu anderen Organismen: Sie sind Saprotrophe (ernähren sich von totem Material), Parasiten (von Pflanzen, Tieren oder anderen Pilzen) oder Mutualisten (Mykorrhiza), während Flechten einen Fall obligaten Mutualismus für den Pilz darstellen.

 

Doch Flechten selbst können zur Nahrungsquelle werden: Es gibt lichenicole Pilze, Pilze, die Flechten fressen. Aber auch andere ernähren sich von Flechten: Neben den ikonischen Rentieren und Karibus fressen viele kleine Wirbellose (Milben, Springschwänze, Insektenlarven, Schnecken und Nacktschnecken) Flechtenthalli. Zudem nutzen verschiedene Vogelarten sie nicht nur als Nistmaterial (unter Ausnutzung ihrer antibakteriellen und Tarn-Eigenschaften), sondern gelegentlich auch als Nahrung.

 

Pilze ihrerseits bilden die Basis ebenso komplexer Nahrungsnetze: Die Larven vieler Insekten (wie Pilzmücken) entwickeln sich in Fruchtkörpern, und zahlreiche Säugetiere (Wildschweine, Eichhörnchen, Hirsche) verzehren sie mit Vorliebe. Zusammenfassend sind sowohl Pilze als auch Flechten entscheidende Knotenpunkte in trophischen Netzwerken und tragen maßgeblich zum Energiefluss und Stoffkreislauf in Ökosystemen bei.

 

Vergleich von Flechten- und Pilzbiomasse

Um die quantitative Bedeutung dieser Organismen zu verstehen, genügen einige Daten. In borealen Nadelwäldern (wie der Taiga) kann die Biomasse epiphytischer Flechten (die auf Ästen und Stämmen wachsen) überraschende Werte erreichen: 5 bis 10 Tonnen pro Hektar in reifen, Usnea- und Alectoria-reichen Wäldern. Die gesamte Pilzbiomasse (hauptsächlich das im Boden und Holz verborgene Myzel) ist noch imposanter und kann 15 Tonnen pro Hektar übersteigen.

 

Beide stellen somit einen nicht zu vernachlässigenden Kohlenstoffspeicher dar. Flechten mit Cyanobakterien tragen zudem signifikant zur Stickstoffzufuhr in Ökosystemen bei, mit Fixierungsraten von 1 bis 10 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr – ein fundamentaler Beitrag in oligotrophen (nährstoffarmen) Umgebungen.

 

Flechten und Pilze: Eine Welt aus Verflechtungen und Symbiosen

Heute haben wir entdeckt, dass Pilze und Flechten den Mykobionten teilen, Flechten jedoch eine höhere evolutionäre Stufe dank einer erfolgreichen, obligaten Symbiose mit photosynthetischen Organismen darstellen. Wenn Pilze die unsichtbaren Ingenieure des Bodens, die großen Zersetzer und die stillen Vernetzer der Pflanzen durch Mykorrhiza sind, dann sind Flechten die kühnen Pioniere, die Bodenbildner, die Besiedler extremster Umgebungen.

 

Beide sind fundamentale Säulen für die Gesundheit und Funktionsweise unseres Planeten: Ein reichlich mit foliosen Flechten besiedelter Stamm ist ein Signal für saubere Luft und ein gesundes Waldökosystem – und damit ein potenziell geeigneter Lebensraum für das Wachstum geschätzter Pilze. Weit davon entfernt, einfache "niedere Pflanzen" zu sein, sind Flechten komplexe Organismen, die uns eine fundamentale Lektion in Kooperation und Resilienz lehren.

 

Und für alle, die sich noch fragen, wozu Flechten in unserem Alltag gut sind: Die Antwort ist vielschichtig: Sie schenken uns sauberere Luft, schaffen den Boden, den wir bewirtschaften, ernähren Wildtiere und bieten uns einzigartige Moleküle mit potenziellem medizinischem Nutzen. Pilze ihrerseits ernähren uns, heilen uns und erhalten die Wälder, die wir lieben.

 

Gemeinsam weben Pilze und Flechten das komplexe und wunderbare Netz des Lebens auf der Erde.