Europäische Projekte rund um Pilze: Heute möchten wir einen kurzen Überblick über diese Möglichkeiten geben. Der Grund dafür ist, dass die Mykologie – die Wissenschaft, die Pilze in all ihren Formen und Anwendungen erforscht – gerade dank der europäischen Fördermittel für Forschung und Innovation eine außergewöhnliche Entwicklungsphase durchläuft. Im Rahmen von Horizon Europe finanzierte Projekte eröffnen neue Horizonte im Verständnis von Pilzen, bei Anbaumethoden sowie bei biotechnologischen Anwendungen.
Dieser Artikel analysiert detailliert die wichtigsten europäischen Pilzprojekte und untersucht dabei Ziele, Methoden, erwartete Ergebnisse sowie praktische Auswirkungen für Mykologen, Pilzzüchter und Interessierte. Mithilfe von Daten, Statistiken und ausführlichen Tabellen erforschen wir, wie die von der Europäischen Union geförderte Forschung unseren Umgang mit dem Pilzreich verändert – mit bedeutenden Folgen für Bereiche wie nachhaltige Landwirtschaft, Medizin, Lebensmittelindustrie und Bioremediation.
Europäische Projekte: Horizon Europe, das Rahmenprogramm für Forschung und Innovation
Horizon Europe ist das Förderprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation mit einem Budget von 95,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021–2027. Dieses ehrgeizige Programm unterstützt wissenschaftliche Spitzenforschung und fördert transnationale Zusammenarbeit in allen Wissensbereichen – auch in der Mykologie.
Die im Rahmen von Horizon Europe geförderten mykologischen Projekte konzentrieren sich auf verschiedene Themenbereiche: von der Pilz-Biodiversität über biotechnologische Anwendungen bis hin zur Lebensmittelsicherheit und pilzbasierten Lösungen für Umweltprobleme. In diesem Abschnitt analysieren wir die Struktur des Programms, die für die Mykologie relevanten thematischen Cluster sowie die verfügbaren Fördermöglichkeiten für Forscher, Unternehmen und Organisationen des Sektors.
Aufbau und Säulen von Horizon Europe
Horizon Europe gliedert sich in drei Hauptpfeiler, die jeweils spezifische Ziele verfolgen und unterschiedliche Maßnahmen finanzieren. Der erste Pfeiler, Exzellente Wissenschaft, unterstützt Grundlagenforschung über den Europäischen Forschungsrat (ERC) und die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen. Der zweite Pfeiler, Globale Herausforderungen und europäische industrielle Wettbewerbsfähigkeit, fördert anwendungsorientierte Forschungsprojekte in thematischen Clustern – darunter jener für Lebensmittelsicherheit, nachhaltige Landwirtschaft und Bioökonomie, der für die Mykologie besonders relevant ist. Der dritte Pfeiler, Innovatives Europa, zielt darauf ab, Innovationen und die Verbreitung neuer Technologien durch den Europäischen Innovationsrat (EIC) sowie das Europäische Institut für Innovation und Technologie (EIT) zu fördern.
Cluster 6: Ernährung, Bioökonomie, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt
Der Cluster 6 von Horizon Europe, der sich mit Ernährung, Bioökonomie, natürlichen Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt beschäftigt, stellt den wichtigsten Förderbereich für mykologische Projekte dar. Mit einem Budget von rund 9 Milliarden Euro finanziert dieser Cluster Forschungsprojekte, die Herausforderungen wie Lebensmittelsicherheit, nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, Entwicklung der Bioökonomie sowie Umweltschutz angehen. Die mykologischen Projekte in diesem Cluster reichen von der Charakterisierung der Pilzbiodiversität über die Entwicklung neuer Pilzzuchtmethoden bis hin zu Anwendungen in der Bioremediation und pilzbasierten Lösungen für nachhaltige Landwirtschaft.
| Themengebiet | Budget (Mio. Euro) | Anteil am Gesamtvolumen |
|---|---|---|
| Umwelt und Biodiversität | 2.150 | 23,9% |
| Nachhaltige Ernährungssysteme | 1.830 | 20,3% |
| Kreislauforientierte Bioökonomie | 1.690 | 18,8% |
| Landwirtschaft, Forstwirtschaft und ländliche Räume | 1.560 | 17,3% |
| Ozeane, Meere und Binnengewässer | 1.270 | 14,1% |
| Steuern für Nachhaltigkeit | 500 | 5,6% |
| Gesamt | 9.000 | 100% |
Wie aus der Tabelle hervorgeht, stehen im Cluster 6 erhebliche Mittel für Forschungs- und Innovationsprojekte im Bereich der Mykologie zur Verfügung – insbesondere in den Themenfeldern nachhaltiger Ernährungssysteme und kreislauforientierter Bioökonomie. Projekte rund um Pilze können erhebliche Fördermittel erhalten, vor allem wenn sie ein klares Potenzial in Bezug auf Nachhaltigkeit, Lebensmittelsicherheit und innovative, bioökonomiebasierte Lösungen nachweisen können.
Innovative mykologische Forschungsprojekte im Rahmen von Horizon Europe
Zahlreiche mykologische Forschungsprojekte haben Fördermittel aus Horizon Europe erhalten und befassen sich mit vielfältigen Themen sowie innovativen Ansätzen zur Erforschung und Anwendung von Pilzen. Diese Projekte umfassen internationale Konsortien aus Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und NGOs und schaffen wertvolle Synergien für den Fortschritt mykologischen Wissens. In diesem Abschnitt analysieren wir einige der bedeutendsten Projekte detailliert hinsichtlich Ziele, Methoden, vorläufiger Ergebnisse und praktischer Anwendungsmöglichkeiten für Mykologen und Pilzzüchter.
FUNGITECH: Fortschrittliche Technologien für nachhaltigen Pilzanbau
Das Projekt FUNGITECH, das mit 4,8 Millionen Euro im Rahmen von Horizon Europe gefördert wird, zielt darauf ab, innovative Technologien für den nachhaltigen Anbau essbarer und medizinischer Pilze zu entwickeln. Koordiniert wird das Projekt von der Universität Wageningen in den Niederlanden und es umfasst 12 Partner aus 8 europäischen Ländern, darunter Forschungszentren, Universitäten und Unternehmen aus dem Pilzzuchtsektor. Zu den spezifischen Zielen von FUNGITECH gehören die Optimierung von Anbausubstraten auf Basis landwirtschaftlicher und agroindustrieller Abfälle, die Entwicklung fortschrittlicher Überwachungssysteme zur Kontrolle von Umgebungsparametern sowie die Selektion pilzlicher Stämme mit hoher Produktivität und geringem Umweltfußabdruck.
Eine der vielversprechendsten Innovationen aus dem Projekt FUNGITECH ist ein Echtzeit-Überwachungssystem, das auf IoT-Sensoren und künstlicher Intelligenz beruht. Dieses System ermöglicht die kontinuierliche Überwachung kritischer Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO₂-Konzentration und Myzelwachstum und sendet automatische Warnungen bei Abweichungen von optimalen Bedingungen. Mithilfe von Machine-Learning-Algorithmen werden Muster identifiziert, die Ertrag und Qualität vorhersagen und so Pilzzüchter bei Managemententscheidungen unterstützen. Feldversuche zeigten eine Ertragssteigerung um 15–20 % und eine Abfallreduzierung um 30 % gegenüber herkömmlichen Anbaumethoden.
Ergebnisse und praktische Anwendungen von FUNGITECH
Die Ergebnisse des Projekts FUNGITECH bieten Pilzzüchtern und Unternehmen des Sektors wertvolle Möglichkeiten. Die entwickelten Technologien ermöglichen die Optimierung der Produktion, Kostenreduzierung und Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit. Insbesondere innovative Substrate aus agroindustriellen Abfällen – wie Getreidestroh, Oliventrester oder Kaffeerückstände – bieten eine wirtschaftlich vorteilhafte und umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Substraten. Diese weisen einen geringeren CO₂-Fußabdruck und günstigere Beschaffungskosten auf und stärken so die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Pilzzuchtbranche.
| Substrattyp | Ertrag (kg Pilze/m²) | Kosten (€/Tonne) | CO₂-Fußabdruck (kg CO₂-Äquivalente/Tonne) | Biologische Umwandlungsrate |
|---|---|---|---|---|
| Traditionelles Substrat (Stroh + Zusätze) | 28,5 | 120 | 85 | 75% |
| Innovatives Substrat (agroindustrielle Abfälle) | 30,2 | 65 | 42 | 82% |
| Prozentuale Veränderung | +6% | -46% | -51% | +9% |
Wie die Tabelle zeigt, bieten die im Projekt FUNGITECH entwickelten innovativen Substrate signifikante Vorteile hinsichtlich Ertrag, Kosten und Umweltschutz. Die biologische Umwandlungsrate – ein Maß dafür, wie effizient der Pilz das Substrat in essbare Biomasse umwandelt – erreicht mit den innovativen Substraten 82 % gegenüber 75 % bei traditionellen Substraten. Diese Verbesserung führt zu höherer Produktivität und weniger Abfall – mit positiven wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen für Pilzzuchtbetriebe.
MYCOMED: Heilpilze und therapeutische Anwendungen
Das Projekt MYCOMED, gefördert mit 5,2 Millionen Euro durch Horizon Europe, konzentriert sich auf Heilpilze und ihre therapeutischen Einsatzmöglichkeiten. Koordiniert wird es von der Universität Helsinki in Finnland und umfasst 15 Partner aus 10 europäischen Ländern – darunter Forschungsinstitute, Pharmaunternehmen und Organisationen für Komplementärmedizin. MYCOMED zielt darauf ab, die medizinischen Eigenschaften verschiedener Pilzarten wissenschaftlich zu charakterisieren, die Wirkstoffe hinter den therapeutischen Effekten zu identifizieren und standardisierte Protokolle für Anbau, Extraktion und Formulierung von Heilpilzprodukten zu entwickeln.
Forschungsmethoden und innovative Ansätze
MYCOMED verfolgt multidisziplinäre Ansätze, die molekularbiologische, analytisch-chemische, pharmakologische und -omische Methoden verbinden. Die Forschungsaktivitäten umfassen die metabolomische Charakterisierung pilzlicher Extrakte, biologische Wirkstoff-Screenings (antitumoral, immunmodulierend, entzündungshemmend, antioxidativ), toxikologische Präklinikstudien und kontrollierte klinische Studien. Eine innovative Komponente ist die Nutzung von In-silico-Modellen zur Vorhersage von Wechselwirkungen zwischen pilzlichen Wirkstoffen und menschlichen Zielmolekülen – was die Entdeckung neuer therapeutischer Moleküle beschleunigt.
Vorläufige Ergebnisse von MYCOMED bestätigen immunmodulatorische Eigenschaften verschiedener Heilpilzarten – insbesondere der Gattungen Ganoderma, Lentinula und Hericium. In-vitro- und In-vivo-Studien zeigten, dass Beta-Glucane und andere Polysaccharide in diesen Pilzen das Immunsystem modulieren können, etwa durch Verstärkung der Abwehrreaktion gegen Krankheitserreger und Tumorzellen. Diese Effekte werden durch die Interaktion mit spezifischen Rezeptoren auf Immunzellen (z. B. Dectin-1 und TLR) ausgelöst, was intrazelluläre Signalwege aktiviert und zur Produktion von Zytokinen führt.
Perspektiven für die Pharma- und Nahrungsergänzungsmittelindustrie
Die Ergebnisse von MYCOMED eröffnen vielversprechende Perspektiven für die Pharma- und Nahrungsergänzungsmittelindustrie. Die wissenschaftliche Charakterisierung medizinischer Eigenschaften und die Identifikation verantwortlicher Wirkstoffe schaffen die Grundlage für neue Arzneimittel und standardisierte Pilzextraktprodukte. Insbesondere zeigen die identifizierten Verbindungen Potenzial bei der Behandlung von Immundefekten, chronisch-entzündlichen Erkrankungen oder als begleitende Therapie in der Onkologie.
| Pilzart | Bioaktive Verbindung | Biologische Aktivität | Konzentration (mg/g Trockengewicht) | Potenzielle therapeutische Anwendung |
|---|---|---|---|---|
| Ganoderma lucidum | Beta-Glucane | Immunmodulierend | 45–65 | Immundefekte, begleitend in der Onkologie |
| Lentinula edodes | Lentinan | Antitumoral, immunstimulierend | 30–50 | Integrative onkologische Therapien |
| Hericium erinaceus | Erinacine | Neuroprotektiv, regenerativ | 0,5–1,2 | Neurodegenerative Erkrankungen |
| Cordyceps militaris | Cordycepin | Leistungssteigernd, entzündungshemmend | 2,5–4,8 | Chronisches Erschöpfungssyndrom, sportliche Leistung |
| Trametes versicolor | PSK (Krestin) | Antitumoral, immunmodulierend | 35–55 | Onkologische Therapien, Rezidivprävention |
Die Tabelle verdeutlicht die Fülle und Vielfalt bioaktiver Verbindungen in den im Projekt MYCOMED untersuchten Heilpilzen. Die Konzentration dieser Verbindungen variiert stark zwischen Arten und wird durch Anbaubedingungen, Extraktionsmethode und Entwicklungsstadium beeinflusst. Die Standardisierung von Anbau- und Verarbeitungsprotokollen – eines der Projektziele – ist daher entscheidend, um Reproduzierbarkeit und Wirksamkeit von Heilpilzprodukten sicherzustellen.
FUNGI-BIOREM: Pilze in der Bioremediation und Umweltsanierung
Das Projekt FUNGI-BIOREM, gefördert mit 3,7 Millionen Euro durch Horizon Europe, erforscht den Einsatz von Pilzen in der Bioremediation und Sanierung kontaminierter Standorte. Koordiniert wird es vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (Deutschland) mit 9 Partnern aus 6 europäischen Ländern – darunter Universitäten, Forschungsinstitute und Unternehmen der Umweltbiotechnologie. FUNGI-BIOREM konzentriert sich auf die abbauenden Fähigkeiten von Pilzen – insbesondere ligninabbauender Basidiomyceten – gegenüber Umweltschadstoffen wie polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, Pestiziden, Phthalaten und Schwermetallen.
Abbaumechanismen und praktische Anwendungen
Dank ihres spezialisierten Enzymsystems können Pilze eine Vielzahl schwer abbaubarer organischer Verbindungen – darunter viele Umweltschadstoffe – abbauen. Insbesondere ligninabbauende Basidiomyceten produzieren extrazelluläre Enzyme wie Laccasen, Ligninperoxidasen und Manganperoxidasen, die komplexe aromatische Verbindungen oxidieren und fragmentieren. Aufgrund ihrer breiten Substratspezifität machen sie persistente organische Moleküle bioverfügbarer und leichter biologisch abbaubar.
FUNGI-BIOREM hat innovative Protokolle für den Einsatz von Pilzen bei der Sanierung kontaminierter Böden und Wasser entwickelt – kombiniert mit Methoden der Umweltingenieurtechnik. Dazu gehören die Optimierung der Wachstumsbedingungen, Selektion hochwirksamer pilzlicher Stämme, Entwicklung von Bioreaktoren zur Abwasserbehandlung sowie Techniken zur Bioaugmentation für In-situ-Bodenreinigung. Pilotversuche zeigten Entfernungsquoten über 80 % für verschiedene Schadstoffe bei geringeren Kosten als konventionelle Sanierungsmethoden.
Wirtschaftliche und ökologische Vorteile der Mycoremediation
Die Mycoremediation bietet im Vergleich zu herkömmlichen Sanierungstechnologien zahlreiche wirtschaftliche und ökologische Vorteile. Die Implementierungskosten sind niedriger, da kostengünstige Substrate aus landwirtschaftlichen und agroindustriellen Abfällen verwendet werden. Zudem ist Mycoremediation ein natürlicher Prozess ohne aggressive Chemikalien und giftige Nebenprodukte. Die eingesetzten Pilze können danach kompostiert oder zur Enzym- und Wertstoffgewinnung genutzt werden – im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft.
| Pilzart | Schadstofftyp | Entfernungsrate (%) | Behandlungsdauer (Tage) | Optimale Bedingungen |
|---|---|---|---|---|
| Pleurotus ostreatus | Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe | 85 | 45 | pH 5,5–6,5; 25–28 °C |
| Trametes versicolor | Chlorierte Pestizide | 78 | 60 | pH 4,5–5,5; 28–30 °C |
| Phanerochaete chrysosporium | Azofarbstoffe | 92 | 30 | pH 4,0–5,0; 30–35 °C |
| Bjerkandera adusta | Phthalate | 75 | 50 | pH 5,0–6,0; 25–28 °C |
| Ganoderma lucidum | Schwermetalle (Bioakkumulation) | 65 | 90 | pH 5,5–6,5; 28–30 °C |
Die Tabelle zeigt, dass verschiedene Pilzarten unterschiedliche Schadstoffe unter spezifischen Bedingungen abbauen. Die Auswahl der geeigneten Pilzart für einen bestimmten Sanierungsfall ist entscheidend, um Effizienz zu maximieren und Zeit- und Kostenaufwand zu minimieren. FUNGI-BIOREM entwickelt eine öffentlich zugängliche Datenbank, die Standortmerkmale, Schadstofftypen und empfohlene Pilzarten miteinander verknüpft – zur Unterstützung bei maßgeschneiderten Mycoremediationsmaßnahmen.
Zukunftsperspektiven und neue Grenzen der mykologischen Forschung
Horizon-Europe-Projekte eröffnen neue Forschungshorizonte in der Mykologie mit bedeutenden Auswirkungen auf zahlreiche Disziplinen und Anwendungsbereiche. Zukünftige Schwerpunkte umfassen die Integration omischer Wissenschaften, innovative biotechnologische Anwendungen sowie die Erforschung wenig bekannter Ökosysteme auf der Suche nach neuen Arten und bioaktiven Verbindungen. In diesem Abschnitt beleuchten wir aufkommende Trends und deren potenzielle Auswirkungen auf Mykologen, Pilzzüchter und Branchenexperten.
Omische Mykologie: Genomik, Transkriptomik, Proteomik und Metabolomik
Die Anwendung omischer Technologien revolutioniert unser molekulares Verständnis von Pilzen. Insbesondere die Pilzgenomik schreitet dank Next-Generation-Sequenzierung rasch voran – mit immer günstigeren Kosten für die Entschlüsselung des Erbguts hunderter Pilzarten. Horizon-Europe-Projekte leisten hierzu einen wichtigen Beitrag, indem sie genomische Daten generieren, die Evolution, Ökologie und Anwendungspotenziale von Pilzen detaillierter als je zuvor erforschbar machen.
Durch die Integration genomischer, transkriptomischer, proteomischer und metabolomischer Daten lassen sich Stoffwechselnetzwerke rekonstruieren und molekulare Mechanismen entschlüsseln – etwa beim Ligninabbau, bei der Pflanzensymbiose oder bei der Synthese bioaktiver Verbindungen. Diese Erkenntnisse ermöglichen gezielte Selektion von Pilzstämmen für Zucht und Biotechnologie oder die metabolische Optimierung zur effizienten Produktion von Enzymen und Industrie-Metaboliten.
Innovative Pilzbiotechnologien
Die Pilzbiotechnologie entwickelt sich rasant mit Anwendungen von Lebensmitteln über Materialien bis hin zu Energie. Horizon-Europe-Projekte erforschen dabei u. a. die Herstellung alternativer Proteine per Myzel-Fermentation, pilzbasierte Baustoffe und Verpackungen sowie Pilzeinsatz bei Biokraftstoffen und erneuerbaren Chemikalien. Diese nutzen die einzigartige Fähigkeit von Pilzen, kostengünstige Biomasse in wertvolle Produkte umzuwandeln – und unterstützen so den Übergang zu einer Kreislauf- und CO₂-neutralen Wirtschaft.
| Anwendungsbereich | Pilzart | Produkt/Verfahren | Entwicklungsstand | Marktpotenzial |
|---|---|---|---|---|
| Lebensmittel | Fusarium venenatum | Myzelprotein (Fleischalternative) | Kommerziell | Hoch |
| Materialien | Ganoderma spp. | Myzelbasierte Verpackungsmaterialien | Pilotmaßstab | Mittel–Hoch |
| Energie | Aspergillus niger | Enzyme für Biokraftstoffe | Industriemaßstab | Hoch |
| Pharma | Penicillium chrysogenum | Antibiotika-Vorstufen | Kommerziell | Hoch |
| Kosmetik | Tremella fuciformis | Feuchtigkeitsspendende Anti-Aging-Inhaltsstoffe | Pilotmaßstab | Mittel |
Die Tabelle veranschaulicht die Vielfalt aufkommender pilzbiotechnologischer Anwendungen. Insbesondere Myzelproteine als tierfreie Proteinquelle ziehen zunehmendes Interesse auf sich – mit Marktschätzungen über 10 Milliarden US-Dollar bis 2030. Gleichzeitig bieten myzelbasierte Materialien innovative Alternativen zu Kunststoffen in Verpackungen und Baustoffen – mit interessanten mechanischen Eigenschaften und deutlich reduzierter Umweltbilanz.
Europäische Projekte: Der Einfluss Europas auf die Mykologie
Die von Horizon Europe geförderten Projekte haben einen signifikanten Einfluss auf die Weiterentwicklung mykologischen Wissens und die Entwicklung praktischer Anwendungen im Pilzsektor. Dank dieser Projekte positioniert sich die europäische Mykologieforschung international an der Spitze – mit bedeutenden Beiträgen zur Biodiversitätsforschung, nachhaltigem Pilzanbau, Entdeckung neuer Wirkstoffe sowie Umweltsanierung und industrieller Biotechnologie. In diesem abschließenden Abschnitt fassen wir die wichtigsten Ergebnisse und Langzeitperspektiven der EU-geförderten Mykologieforschung zusammen.
Auswirkungen für Mykologen, Pilzzüchter und Branchenexperten
Horizon-Europe-Projekte generieren Erkenntnisse und Technologien mit unmittelbarem Nutzen für Mykologen, Züchter und andere Branchenakteure. Die im Projekt FUNGITECH entwickelten Anbaumethoden bieten Möglichkeiten, Produktivität und Nachhaltigkeit zu steigern – bei gleichzeitiger Kosten- und Umweltentlastung. Die Ergebnisse von MYCOMED unterstützen die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Heilpilzprodukte und eröffnen neue Märkte. FUNGI-BIOREMs Mycoremediationsansätze schaffen Geschäftsmöglichkeiten für spezialisierte Umweltsanierungs- und Abfallwirtschaftsunternehmen.
Über praktische Anwendungen hinaus tragen Horizon-Europe-Projekte zur Ausbildung einer neuen Generation mykologischer Fachkräfte bei. Junge Wissenschaftler erwerben multidisziplinäre Kompetenzen in internationalen Teams – und bereiten sich so auf Führungsrollen in der zukünftigen Mykologieforschung vor. Zugleich wächst durch Publikationen, Veranstaltungen und digitale Plattformen das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Pilzen – und weckt neues Interesse bei Studierenden und Bürgerinnen und Bürgern.
Perspektiven für zukünftige mykologische Forschung
Die Zukunftsaussichten für die Mykologieforschung sind äußerst vielversprechend – mit kontinuierlichen Fördermöglichkeiten durch Horizon Europe und andere EU-Programme. Aufkommende Trends umfassen eine stärkere Verknüpfung von Mykologie und Datenwissenschaften, die Erforschung des mykologischen Mikrobioms und dessen Interaktionen, die Suche nach Pilzen in extremen Lebensräumen sowie pilzbasierte Lösungen für globale Herausforderungen wie Klimawandel, Ernährungssicherheit und Kreislaufwirtschaft. Die Mykologie wird dabei eine zunehmend wichtige Rolle spielen – als Quelle nachhaltiger, innovativer Lösungen für das 21. Jahrhundert.
Zusammenfassend transformieren europäische Pilzprojekte die Mykologie von einer Nischenwissenschaft zu einem strategisch bedeutenden Forschungsfeld mit weitreichenden wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Dank der Förderung durch Horizon Europe legt die europäische Mykologie-Community die Grundlagen für eine Zukunft, in der Pilze als wertvolle Ressource für menschliche Gesundheit, ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Entwicklung anerkannt werden. Die weitere Investition in mykologische Forschung ist daher entscheidend, um das volle Potenzial dieser außergewöhnlichen Organismen zu nutzen – und die komplexen globalen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu meistern.